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AMS - 26. Oktober 1974
Dampf in allen Gassen
Vorstellung des Porsche 911 turbo
Von Clauspeter Becker
Nach drei Jahren Probezeit im Renneinsatz baut Porsche den Turbolader nun
erstmalig auch in einem Serienfahrzeug ein. Im Porsche turbo dem neuen
Spitzenmodell des Hauses, soll der höchst aktive Leistungsspender allerdings
nicht nur für einen weiteren deutlichen Kraftzuschlag sorgen, sondern auch eine
milde Revolution im Hochleistungsmotorenbau repräsentieren.
Warum gerade mit diesem Modell bei Porsche eine echte Turbo-Euphorie einzog, das
können die Weissacher Entwicklungskünstler mit höchst nüchternen Daten belegen.
Natürlich ist die eigentliche Spitzenleistung von 260 PS für dortige
Verhältnisse keine Sensation. Doch stolz sind die Motorenbauer vielmehr darauf,
daß sich dank Lader die stattliche PS-Zahl dem Dreiliter-Triebwerk schon bei der
gutbürgerlichen Nenndrehzahl von 5500 U/min ablocken ließ. Die respektablen 86,7
PS pro Liter Hubraum fallen hier also schon bei einer Umdrehungszahl an, die
sonst eher das Merkmal eines schwerblütigen Gebrauchs-Triebwerks ist - kein
911-Motor zuvor nahm es mit der Drehzahl so gelassen. Und genauso hält es der
TurboTriebling mit jener Kraft, die aus der Tiefe kommt; das Drehmoment fällt in
einem Umfang an, der sonst nur amerikanischen Großkolbenmaschinen geläufig ist:
35 mkg. Und dieser Spitzenwert ist immerhin zwischen 4000 und 5000 U/min
verfügbar. Der Elastizität noch dienlicher aber ist die Gegenwart von mehr als
30 mkg zwischen 2800 und 6300 U/min. In Anbetracht solcher Daten hielt Porsche
fünf Gänge nicht mehr vonnöten, dem turbo genügen vier.
Mit dem Turbolader gelang Porsche also, was alle bisherigen
Hubraumvergrößerungen nie so recht bewirken konnten: großzügige
Leistungsausbeute bei mäßiger Drehzahl. Mit 0,8 atü Ladedruck wird dem
Porschemotor so beinahe schon der Leistungscharakter eines großen amerikanischen
Achtzylinders eingeblasen. Daß diese Triebwerke den gleichen Effekt mit mehr
Hubraum unkomplizierter erreichen, bestreitet natürlich bei Porsche niemand.
Doch hat man in Weissach überzeugende Argumente für das dort keineswegs
konkurrenzlose Turbo-Konzept. Um vergleichbare Leistungsdaten mit größerem
Hubraum zu realisieren, wäre ein entschieden schwereres und umfangreicheres
Triebwerk notwendig. Geringes Gewicht aber ist nicht nur den Fahrleistungen
dienlich, es verringert auch die Probleme beim Erfüllen der Sicherheitsnormen.
Es wirkt sich schließlich beim Treibstoffverbrauch vorteilhaft aus, und es
verringert mithin auch die Menge der schädlichen Abgase. Hinzu kommen noch
einige turbospezifische Vorteile: die Abgasturbine wirkt nebenher als
Schalldämpfer. Sie verringert das Fahrgeräusch oder erleichtert zumindest das
bei leistungsfähigen Motoren nicht immer einfache Einhalten des vorgeschriebenen
Lärmpegels. Ferner zeigt der Turbomotor unter Teillast eine günstige, nämlich
giftstoffarme Abgaszusammensetzung. Und schließlich sind seine Verbrauchswerte
insbesonde- re unter Vollast niedriger als bei konventioneller Bauweise.
Leistung schon ganz unten
Bei der angestrebten perfekten Zähmung des Turbomotors für den Alltagsgebrauch
konnte Porsche gerade mit den Erfahrungen aus dem Rennbetrieb den anstehenden
Problemen erfolgreich zu Leibe rücken. Der üblicherweise erst bei relativ hoher
Drehzahl einsetzende Ladeeffekt (zwischen 3000 un 4000 U/min) wird bei der
Porsche-Version schon ab etwa 1600 U/min wirksam, und unter Vollast ist der
maximale Ladedruck bereits bei weniger als 3000 U/min vorhanden. Das verleiht
dem aufgeblasenen Carrera schon eine stramme Kraftentfaltung bei niedrigen
Drehzahlen. Er besitzt mithin jene Elastizität, die vergleichbaren
Turbo-Fahrzeugen so gründlich fehlt.
Ursache für das mustergültige Verhalten ist in erster Linie der relativ große
Hubraum. Schon bei den Turbo-Rennmotoren hatte sich gezeigt, daß jeder Zuwachs
an Zylinderinhalt die Leistungscharakteristik nur positiv beeinflußte. Darum
wurden auch alle anfänglichen Diskussionen über den Zylinderinhalt des
Straßen-Turbo eindeutig zugunsten des größten Serien-Triebwerkes entschieden.
Von kaum geringerem Einfluß aber ist die Ladedruckregelung auf der Auspuffseite,
die von den Rennmotoren her übernommen wurde. Die kostspieligen Steuerventile
werden von Air Research in Amerika importiert. Diese Art der Regelung erlaubt es
besser als andere, den Lader optimal auf den Motor abzustimmen. Porsche konnte
im vorliegenden Fall eine relativ kleine Ausführung wählen, die früh anspricht
und schon bei niedriger Motordrehzahl eine kräftige Förderleistung erbringt.
Auch das üblicherweise etwas zögernde An-sprechverhalten des Turboladers konnte
Porsche mit Rennsport-Rezepten optimieren. Bei den Rennmotoren verwendete man
eine Drosselklappe, um den im Schiebebetrieb auftretenden Druck ins Freie zu
entlassen, damit dieser die Turbine nicht abbremsen kann. Ein im Prinzip
ähnliches Verfahren mit einem unterdruckbetätigten Steuerkolben und einer
Luftrückführungsleitung erfüllt die gleiche Aufgabe nun auch bei der
Straßenversion.
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